Wer wir sind
Das Kinderheim Casa Hogar Los Gorriones wurde am 3. März 2002 von Gil und Chantal Van den Bergh gegründet. Es beherbergt momentan 25 vernachlässigte, verlassene und behinderte Kinder von 1-13 Jahren in der Stadt von Ayacucho. Das Casa Hogar Los Gorriones ist eine Einrichtung, die von dem peruanischen Staat registriert und anerkannt wurde und eng mit dem Familiengericht, den sozialen Diensten und der Behörde für Adoptionen zusammenarbeitet. In Koordination mit dem Jugendamt werden die Kinder auf professionelle Weise betreut und erzogen, medizinisch und psychologisch versorgt. Die Kinder sind Opfer von Gewalt und Alkoholismus in der Familie, waren Misshandlungen ausgesetzt und kamen mit einem hohen Grad an Verwahrlosung in das Casa Hogar Los Gorriones. Oft sind die Folgen der Unterernährung der Kinder so schwer, dass sie dauerhaft mit geistigen und physischen Behinderungen zu leben haben und ihr Zustand als irreversibel zu bezeichnen ist. Papa Gil, Mama Chantal und das Team der Gorriones legen sehr viel Wert auf ein familiäres Umfeld für die Kinder. Das Zusammenleben im Foyer basiert auf Respekt, Rücksichtnahme, Verantwortungsbewusstsein und Solidarität.
Wem wir helfen
Das Casa nimmt Kinder von 0-18 Jahren auf, die ausgesetzt wurden oder von ihren Familien nicht mehr versorgt werden können und Hilfe brauchen. Viele von ihnen sind schwer geistig und körperlich behindert. Andere Einrichtungen in Ayacucho nehmen Kinder mit Behinderungen nicht auf, da diese eine spezielle Behandlung und Medikamente benötigen und in Folge dessen viel Zeit und Geld aufgewendet werden muss.
Zahlreiche Eltern sind aufgrund ihrer Lebenssituation nicht in der Lage, ihre Kinder zu versorgen. Oft sehen sie die einzige Lösung darin, ihre Kinder in andere Hände zu geben. Nichtsdestotrotz kommt es für sie nicht in Frage, ihre Kinder zur Adoption frei zu geben. In diesen Fällen nehmen die Gorriones die Kinder zeitweise auf und arbeiten eng mit den Familien zusammen. Diese bleiben in Kontakt zu ihren Kindern und besuchen sie so oft sie möchten.
In anderen Fällen sind die Eltern mit der Adoption ihrer Kinder einverstanden und die Vermittlung der Kinder familiengerichtlich anerkannt. Diese Kinder befinden sich auf einer nationalen Adoptionsliste.
Viele Kinder werden traurigerweise auch - teilweise sehr jung und in schlechter Verfassung - einfach auf der Straße ausgesetzt.
Die meisten “Spatzen” erreichen die Einrichtung in katastrophalen hygienischen Zuständen, sind unterernährt und leiden unter Krankheiten und psychischen Belastungen. Das sind die unglücklichen Folgen der Armut Perus.
Die Aufnahme der Kinder und der erfolgende Hilfeplan
Die Aufnahme der Kinder hängt von keinem besonderen Kriterium ab. Das heißt, dass die Gorriones alle aufnehmen, die Hilfe brauchen, auch wenn die Behandlung der Kinder sehr kostspielig und zeitintensiv sein wird. Die Aufnahme erfolgt in Koordination mit dem Familiengericht und den Eltern oder Angehörigen der Kinder. Die Sozialarbeiterin untersucht, welche familiären Zustände vorliegen und wie stark die Verwahrlosung des Kindes vorangeschritten ist. Sobald das Kind in der Einrichtung aufgenommen wird, erfolgt die Erstellung eines Hilfeplans, der Erziehungsziele beinhaltet und auf das Alter und die mentale und körperliche Gesundheit des Kindes abgestimmt ist. Wenn das Kind eine besondere Behandlung benötigt, werden entsprechende Fachkräfte hinzugezogen, um dem Kind alle Chancen zu ermöglichen, sich eines normalen Lebens zu erfreuen. Die Entwicklung jedes Kindes wird von einer fortlaufenden Evaluation begleitet. Im Falle einer Freigabe der Kinder durch die Eltern, können die Gorriones eine Vermittlung des Kindes in die Wege leiten. Die Adoptionsanfragen werden gewissenhaft und den geltenden Gesetzen entsprechend bearbeitet. In Zusammenarbeit mit der Behörde für Adoptionen wird sichergestellt, dass sich der Prozess unter den besten Bedingungen vollzieht und das Kind sich in psychologischer, schulischer und sozialer Hinsicht ungestört weiterentwickeln kann. Infolge einer Adoption wird gleichermaβen weiterverfolgt, wie es dem Kind in der neuen Familie geht. Alle notwendigen Schritte werden in den Fällen unternommen, in denen sich eine ungünstige Entwicklung für das Kind herausstellt.
Der familiäre Rückhalt
Das Team der Gorriones ist davon überzeugt, dass es sehr wichtig ist, eine familiäre Atmosphäre zu schaffen und den Kindern auf diese Weise den Rückhalt einer Familie zu geben. Ein liebevoller Umgang, Zuwendung, Unterstützung und die Erziehung in einem familiären Rahmen haben somit äußerste Priorität. Wie in einer Familie wird ganz besonders auf die Heranbildung eines gesunden Selbstwertgefühls und auf die Persönlichkeitsgestaltung jedes einzelnen Kindes geachtet.
Gesundheitsversorgung
Jedes Kind wird von einem Arzt versorgt und bekommt die medizinische Hilfe, die es benötigt, sei es physischer oder psychologischer Art. Mehrere Kinder des Hauses haben eine schwere körperliche Behinderung und werden täglich mit entsprechenden körperlichen Übungen stimuliert. Eine gesunde Ernährung ist für die gesunde Entwicklung der Kinder entscheidend, besonders weil fast alle zuvor unter Unterernährung litten. Im Casa Hogar wird von einer Köchin dreimal täglich ein gesundes Essen für die ganze Familie zubereitet.
Bildung
Mithilfe der vernetzten Organisationen und der individuellen Spenden kann jedem Kind, das sich im Schulalter befindet und sich fortbewegen kann, eine adäquate Schulbildung in einer privaten Schule ermöglicht werden. Für die körperlich oder geistig eingeschränkten Kinder, die aufgrund ihrer Behinderung keine Schule besuchen können, werden erzieherische Maßnahmen und eine schulische Betreuung im Casa gewährleistet. Dies erfolgt durch Freiwillige oder durch das hauseigene ausgebildete Team, das unter anderem aus Erziehern, Krankenpflegern, Sozialarbeitern und einer Psychologin besteht.
Allgemeine Situations- und Problembeschreibung der Kinder und Erwachsenen in Ayacucho
Wie in vielen anderen Städten Lateinamerikas sind die Armut und die Arbeitslosigkeit die schwerwiegendsten Probleme in Ayacucho. Wichtig zu wissen ist jedoch, dass sich in Ayacucho in den 70er Jahren die terroristische Bewegung des leuchtenden Pfads (Sendero Luminoso) formierte. Der Bürgerkrieg, der von 1980 bis 1992 zwischen der Terrorgruppe und den nationalen Sicherheitskräften tobte, forderte über 70000 Tote. 85 Prozent aller Ermordeten und Verschwundenen stammten aus den Regionen Huancavelica, Apurimac, San Martin und Ayacucho. Noch heute hat Ayacucho unter den Folgen des Kampfes zu leiden, da tausende Menschen in der Kriegszeit aus Sicherheitsgründen ihre Häuser und Dörfer in den Bergen um Ayacucho verließen um in der Stadt Schutz vor der terroristischen Bewegung und gleichzeitig Arbeit zu finden. Diese Prozesse haben ein starkes Ungleichgewicht geschaffen. Denn in der Stadt angekommen, waren die ehemaligen Bauern in Folge der zunehmenden Bevölkerungsdichte und Armut von einer extremen Arbeitslosigkeit betroffen. Rund 80 Prozent der erwerbsfähigen Peruanerinnen und Peruaner sind geringfügig entlohnt oder haben gar keine Arbeit. Ein Fünftel lebt in extremer Armut. Die Lebensunterhaltungskosten sind gestiegen und die Menschen sind so arm, dass sie trotz aller Bemühungen die eigenen Familien nicht ernähren können.
Oft werden die Kinder von ihren Eltern auf die Straße geschickt um zu arbeiten und mit dem wenigen, das sie verdienen, müssen sie meist die ganze Familie ernähren. Sie sind ambulante Verkäufer von Süßigkeiten, betteln, singen und bieten kleine Dienstleistungen wie Schuhe putzen an. Aufgrund dieser Überlebenssicherung ist es ihnen meist unmöglich zur Schule zu gehen.
Ihre Eltern waren Kinder zur Zeit des Terrorismus und sind ohne Schule und Erziehung aufgewachsen. Sie sind oft Analphabeten, mussten selbst früh anfangen zu arbeiten und haben nicht mehr kennen gelernt als Hunger und Gewalt. Diese Folgen des Krieges und die traumaverursachenden Gewalterfahrungen wirken sich wiederum in hohem Maße auf ihre Kinder aus.
Auch der Alkohol ist ein großes Problem. Es sind vor allem die Männer, die ihn trinken, meist den 96-prozentigen mit Wasser verdünnt. Größtenteils handelt es sich dabei zudem um den nicht für den Konsum geeigneten Methylalkohol, der den Sehnerv angreift, sehr gesundheitsschädlich ist und aggressiv macht. Die Männer trinken um ihre Probleme zu vergessen, werden aber extrem aggressiv und misshandeln ihre Kinder. Viele der Kinder flüchten vor ihren Vätern auf die Straße oder laufen weg, weil zu Hause zwischen den Eltern nur Streit und Gewalt herrscht.
Eine andere Konsequenz aus der langen Zeit des Terrorismus ist es, dass es siebenmal mehr Frauen als Männer in der Region gibt, da der Terrorismus einer unglaublich hohen Zahl an Männern und Jugendlichen den Tod gebracht hat. Die Folge ist, dass die Männer diesen Frauenüberschuss zu ihrem Vorteil ausnutzen, indem sie zum Beispiel ihre Frauen betrügen, sich scheiden lassen oder die kinderreichen Familien verlassen, um sich andere Frauen zu suchen. Die Kinder wachsen oft ohne die Präsenz ihres Vaters auf und müssen schon früh die entsprechenden Versorgerrollen übernehmen.
Unter diesen Bedingungen leiden besonders die Kinder. In Folge der Armut und Arbeitslosigkeit werden viele von ihnen ausgesetzt und versuchen auf der Straße zu überleben. Viele Eltern sehen in ihrer Verzweiflung eine Chance für das gesicherte Überleben ihrer Kinder darin, sie in andere Hände zu geben.
Bei Kindern mit Behinderungen ergibt sich eine besondere Problematik. Für die Erklärung der Behinderungen werden häufig religiöse Anschauungen herangezogen. Die Eltern schämen sich für ihre behinderten Kinder, beurteilen die Behinderung als Strafe Gottes oder als Schande. Aus diesem Grund möchten sie ihre Kinder nicht in der Öffentlichkeit zeigen. Andere Eltern setzen ihre behinderten Kinder aus, weil ihnen die finanziellen Mittel für Fördermöglichkeiten und die Kenntnisse für einen angemessenen Umgang mit behinderten Kindern fehlen.
Die ausgesetzten und auf der Straße lebenden Kinder sind oft schwer unterernährt und krank und haben traumatische Erfahrungen machen müssen. Die Stadtverwaltung verschließt die Augen vor den Problemen und hilft den armen Familien nicht. Auffanglager und Kinderheime sind sehr selten und die Kapazitäten daher sehr begrenzt. Die Kinderheime, die es gibt, sind so überfüllt, dass viele Kinder abgelehnt werden müssen und deshalb immer noch auf der Straβe leben. Auf der Straße sind sie vielen Gefahren ausgesetzt. Nicht nur Gewalt, Drogenkonsum und organisierte Kriminalität erwarten sie, auch von Kindesmissbrauch und Kinderprostitution ist in diesem Zusammenhang zu hören. Es ist demzufolge nicht verwunderlich, dass unter diesen Bedingungen die Jugendkriminalität ein weiteres Problem darstellt. In der Öffentlichkeit werden diese sozialen Probleme aber auch verdrängt und auf der Straße lebende Jugendliche schnell marginalisiert und kriminalisiert. Die Reintegration von Straßenkindern in die Gesellschaft ist oft schwierig, vor allem wenn sie sich in einem aggressiven Umfeld befinden, wo das Recht des Stärkeren regiert.
Des Weiteren haben viele Jugendliche früh sexuelle Beziehungen, wodurch es viele jugendliche Eltern gibt. Meistens wollen auch die jungen Väter, dem Beispiel ihrer Väter folgend, keine Verantwortung übernehmen und lassen die jungen Mütter allein.
Zusammenfassend lässt sich sagen, dass Kinder, die so früh mit den Härten des Lebens konfrontiert werden, unter Traumata leiden, die sich wiederum auf ihre eigenen Kinder niederschlagen. Traumatische Erfahrungen werden an die nächste Generation weiter gegeben, wenn diese Kreisläufe nicht unterbrochen werden. Um diese Zirkularität zu durchbrechen sind Präventivmaßnahmen, die den Kindern ein liebevolles Zuhause, Unterstützung und Rückhalt bieten, unabdingbar.
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